Objekte

Ein Vermögen auf weißem Papier
Ein Vermögen auf weißem Papier

Gülgun Stoiber kam im Herbst 1985 aus Istanbul zum Studium nach Wien. Zum Abschied reichte ihr der Vater, von Beruf Drucker und mit der Papierarbeit vertraut -  ein Blatt Papier zur Erinnerung, das sein persönliches Vermögen symbolisierte. Auf der einen Seite klebt ein Geldschein, 100 türkische Lira, stellvertretend für das erste selbstverdiente Geld des Vaters als selbstständiger Drucker im Istanbul des Jahres 1958. Auf der anderen Seite finden sich Porträtfotos der Familie: der Eltern und ihrer drei Kinder, die für den Vater den Reichtum symbolisieren. Datiert ist die Collage mit dem 15. Oktober 1985.

Geschenke aus aller Welt
Geschenke aus aller Welt

Peregrina ist eine der ersten Wiener Beratungsstellen bzw. selbstorganisierten Betreuungsorganisationen für Migrantinnen. 1984 gegründet als „Verein solidarischer Frauen aus der Türkei und aus Österreich“ unterstützt Peregrina zugewanderte Frauen und ihre Familien seither in ihren rechtlichen, sozialen und sprachlichen Angelegenheiten. Als Dankeschön für ihren Einsatz und ihr individuelles Betreuungsangebot erhält Peregrina von seinen Klientinnen regelmäßig Geschenke, die mittlerweile zu einer großen Sammlung angewachsen sind und die Räumlichkeiten der Beratungsstelle schmücken. Meist handelt es sich dabei um touristische Souvenirs, die Klientinnen von Besuchen zuhause, in den Herkunftsländern, mitbringen. Die Geschenke veranschaulichen auch die Vielfalt der Länder, aus denen die Frauen nach Österreich migriert oder geflüchtet waren. Heute betreut der Verein Frauen aus mehr als 60 Herkunftsländern.

Broschüre
"Für unsere Arbeiter in Österreich"

Nach dem Inkrafttreten des „Vertrages über die Regelung der Beschäftigung jugoslawischer Dienstnehmer in Österreich“, produzierte Jugoslawien diverse Informationsmaterialien, die dazu dienten, die Arbeiter_innen mit den sozialen und rechtlichen Arbeitsmarktregelungen in Österreich bekannt zu machen und so eine bestmögliche Betreuung zu gewähren. Exemplarisch hierfür stehen zwei Broschüren in slowenischer Sprache mit dem Titel „Ratschläge für unsere Arbeiter die in Österreich arbeiten“, die 1967 und 1969 von der slowenischen Zeitung „Vecer“ gedruckt und als Zeitungsbeilage in einer Sonderausgabe für „unsere Arbeiter in der Fremde“ vertrieben wurden. Sie entstanden in Kooperation mit dem slowenischen Gewerkschaftsbund, dem Sozial- und Arbeitsamt sowie der Kreditbank Ljubljana. Innerhalb von zwei Jahren wuchs die Broschüre von einem kleinen Ratgeber zu Arbeitsrecht zu einem umfassenden Ratgeber zu Fragen des Arbeits-, Sozial-, Gesundheits- und Zollrechts. Ähnliche Broschüren wurden auch in weiteren jugoslawischen Sprachen produziert und im Verlauf der 1960er und 1970er Jahre unter den jugoslawischen Staatsbürger_innen in Österreich verteilt.

Karedeniz: Türkischer Tee aus Österreich

Türkischer Tee stellt ein Nationalgetränk von Menschen aus der Türkei dar. Die im 23. Wiener Gemeindebezirk beheimatete Großhandelsfirma ORIENT spezialisierte sich auf den Vertrieb von türkischem Tee mit dem Titel „Karedeniz“ in Österreich. Damit reagierte sie auf eine offensichtliche Nachfrage und Marktlücke: mit großem Erfolg. Denn der in Sri Lanka produzierte Tee wird nicht nur von in Österreich lebenden Migrant_innen aus der Türkei konsumiert und geschätzt, sondern auch von ihren Verwandten in der Türkei. Statt Schokolade wünschen sich viele diesen Tee, der in der Türkei nicht erhältlich ist und servieren ihn stolz ihren Gästen. Karadeniz, türkischer Tee aus Österreich erzählt verschiedene Facetten der Migrationsgeschichte, wie etwa die Entwicklung migrantischer Ökonomien in Österreich. Viele in der Türkei übliche Nahrungsmittel, wie Schafskäse, Melanzani oder türkischer Tee waren für Migrant_innen aus der Türkei in Österreich zu Beginn nicht erhältlich. Besuche in der Heimat wurden auch dazu genützt, Lebensmittel einzukaufen und nach Österreich mitzunehmen. Erst ab den 1970er Jahren kam es in Österreich zur Gründung von Lebensmittelgeschäften, die sich ihrem Warenangebot auf Migrant_innen als Kunden spezialisierten und in der Regel von diesen betrieben wurden. Der Tee erzählt aber auch exemplarisch davon, wie die Geschichte der Arbeitsmigration aus der Türkei nach Österreich ebenso die Konsumkultur im Herkunftsland beeinflusst hat. Und schließlich steckt in der Ware selbst Migrationsgeschichte, weist der Tee doch von der Herstellung bis zum Vertrieb einen transnationalen Charakter auf.

Eine Audiokassette mit jugoslawischen Volksliedern als Werbegeschenk
Massenware

Arbeitsmigrant_innen stellten sowohl im Ankunfts- als auch im Herkunftsland einen bedeutenden Wirtschafts- und Finanzfaktor dar. Mit der Ankunft von jugoslawischen Migrant_innen in Österreich seit den 1960er Jahren errichteten auch jugoslawische Banken in den Folgejahrzehnten Filialen in Österreich. Denn jugoslawische Migrant_innen sollten auch in Österreich als Kunden gewonnen und zu Sparanlagen motiviert werden. Um ihre Kunden zu erreichen, traten jugoslawische Banken häufig als Sponsoren bei diversen jugoslawischen Sport- und Musikveranstaltungen in Österreich auf und verteilten in den jugoslawischen Vereinen auch diverse Werbeutensilien. Zu diesen Werbemitteln zählte auch eine Musikkassette aus dem Jahr 1986, auf der populäre jugoslawische Volkslieder zu hören sind. Die Musikkassette erlaubt nicht nur einen Einblick in den Mitte der 1980er Jahre populären Musikgeschmack von jugoslawischen Migrant_innen in Österreich, sie zeugt auch von der bedeutenden Rolle, die Arbeitsmigrant_innen als Wirtschaftsfaktor für das Herkunftsland darstellten.

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