Objekte

Die Auserwählten

Klassenfoto Nummer 1: 31 Mädchen und ein Lehrer. Die Besitzerin des Fotos, Zorica Mijatović (geb. Janosević) sitzt in der ersten Reihe in der Mitte (vierte von rechts). Das Foto wurde 1972 in der Hauptschule in der Hörnesgasse im 3. Wiener Gemeindebezirk aufgenommen, ein Jahr nach der Ankunft von Zorica Mijatović in Wien. Auf der Rückseite finden sich die Unterschriften ihrer Klassenkolleginnen. Zorica Mijatović besitzt aber noch ein weiteres Foto, das an demselben Tag in der Klasse aufgenommen wurde. Darauf ist sie gemeinsam mit fünf anderen Mädchen im Klassenzimmer zu sehen. Was die sechs jungen Mädchen eint, ist ihr gesellschaftlicher Status als „die Ausländerinnen“ in der Klasse. Und diese Besonderheit sollte auf Wunsch des Lehrpersonals bildlich festgehalten werden.

Zum Abschied

Im Jahr 1973 erhielt Slobodanka Kudlaček-Ritopečki von ihrem Schüler Milorad eine Zeichnung, auf der sie mit dem kleinen Jungen an der Hand porträtiert ist. Die studierte Dolmetscherin unterrichtete zum damaligen Zeitpunkt viermal wöchentlich Kinder jugoslawischer Arbeitsmigrant_innen: Sie half ihnen bei den Deutschaufgaben und unterrichtete sie in ihrer Erstsprache sowie in Geschichte und Geographie Jugoslawiens. Der Unterricht fand in einer Volksschule im 20. Wiener Gemeindebezirk statt und wurde vom jugoslawischen Verein Jedinstvo mit Sitz in der Praterstraße 9 organisiert. Die vom Verein auf informellem Wege organisierte schulische Unterstützung wurde erst zwei Jahre später durch staatliche Maßnahmen ergänzt: Denn im Schuljahr 1975/1976 wurde der erste „muttersprachliche Zusatzunterricht“ für jugoslawische Kinder in einzelnen Bundesländern eingeführt, im Schuljahr 1976/1977 folgte jener für Kinder aus der Türkei. Als der Schüler Milorad seiner Lehrerin Slobodanka Kudlaček-Ritopečki die Zeichnung überreichte, stand bereits fest, dass er in die Sonderschule versetzt werden würde. Viele andere Kinder jugoslawischer und türkischer Herkunft teilten in den 1970er und 1980er Jahre sein Schicksal, in den meisten Fällen reichten schlechte Deutschkenntnisse oder Legasthenie für eine Einweisung in die Sonderschule. So auch im Fall von Milorad, wie ein ihm gewidmetes Gedicht seiner ehemaligen Lehrerin beschreibt.

Privatbesitz Slobodanka Kudlaček-Ritopečki.

Unterstützung in allen Lebensbelangen

Eine Büromappe in grauer Farbe. Auf dem Etikett am Rücken wurde unter anderem Folgendes notiert: „Aufenthalts-, Staatsbürgerschafts- und Fremdengesetz bis 1995“ sowie „ALT“. Im Inneren finden sich Notizen, Gesetze und Verordnungen sowie Informationsmaterial. Die Mappe stammt aus dem Archiv von Peregrina – Beratungs-, Therapie- und Bildungszentrum für Immigrantinnen, das 1984 unter dem Namen „Verein solidarischer Frauen aus der Türkei und aus Österreich“ in Wien gegründet wurde. Laut den ersten Vereinsstatuten bestand der Zweck des Vereins in der „Betreuung und Beratung von Frauen aus der Türkei sowie deren Familienangehörigen in sozialen, beruflichen und kulturellen Belangen“. 1986 konnten erstmals öffentliche Fördermittel für das Beratungs- und Betreuungsangebot lukriert werden, das bis dahin durch ehrenamtliche Arbeit ermöglicht worden war. Nachdem immer mehr Frauen unterschiedlicher Herkunft das Beratungsangebot beim Verein in Anspruch nahmen, wurde dieses in den Folgejahren auf Migrantinnen unterschiedlichster Herkunft ausgeweitet und zunehmend professionalisiert. Peregrina war eine von mehreren selbstorganisierten Beratungsorganisationen mit muttersprachlichen Mitarbeiter_innen, die im Verlauf der 1980er Jahre in Wien entstanden, um den großen Bedarf an rechtlicher, sozialer und bildungsbezogener Beratung abzudecken. Zu Beginn der 1980er Jahre hatte die Nachfrage nach Beratung aufgrund der Familienzusammenführung und der steigenden Arbeitslosigkeit unter Migrant_innen immer mehr zugenommen.

 

Foto: © Wien Museum, faksimile digital, Birgit und Peter Kainz.

Nicht anerkannt

Das Notiz- bzw. Unterrichtsheft dokumentiert Gülseren Ağcas Ausbildung als Buchhalterin in der Türkei. Vor ihrer Migration nach Österreich im Jahr 1987 war Frau Ağca in Istanbul bereits als Buchhalterin tätig. Sie nahm das Heft mit nach Österreich, begleitet von der Hoffnung hier auch in ihrem Berufsfeld tätig zu sein. Ihre Hoffnungen sollten sich nie erfüllen. Vom AMS wurden Gülseren Ağca immer wieder Jobs als Reinigungskraft angeboten oder aber die Vermittlung eines Heimhilfekurses. Das Übungsheft von Frau Ağca steht daher symbolisch für das Phänomen der Dequalifizierung, mit der Migrant_innen insbesondere aus Drittstaaten in Österreich bis heute häufig konfrontiert sind. Der Begriff der Dequalifizierung steht für die Ausübung einer Tätigkeit, die weniger Ausbildung voraussetzt als bei den Betroffenen vorhanden ist. Die erfolgreiche Anerkennung von Ausbildungen (Nostrifizierung), die im Ausland absolviert wurden, gleicht einem mehrjährigen Hürdenlauf. Durch die Implementierung der EU-Antidiskriminierungsrichtlinien in Österreich 2004 rückte das Phänomen der Dequalifizierung vermehrt in den Fokus arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen.

 

Kampf um Ersparnisse

Fast gleichzeitig mit den ersten Migrant_innen aus Jugoslawien siedelten sich auch die jugoslawischen Banken in Österreich an. In Wien konkurrierten im Jahr 1983 Beogradska banka, Jugobanka Beograd, Ljubljanska banka, Zagrebačka banka, Privredna banka Sarajevo, Stopanska banka und Adria Bank um die Ersparnisse von Migrant_innen. Die Angestellten von Banken handelten proaktiv, sie warteten nicht, bis die Menschen zu ihnen kamen, sondern gingen anfänglich in die Unterbringungsheime und später auch in die privaten Wohnungen, um dort potentielle Sparer_innen anzuwerben. Dieser Filmbetrachter gehörte zum Bestand der Beogradska banka in Wien und datiert vermutlich aus den 1970er Jahren. Damit ging der damalige Bankdirektor der Filiale in Wien, Momčilo Mirković, zu den Menschen und zeigte ihnen Werbefilme, um sie zu überzeugen, Devisensparbücher zu eröffnen. Ein überliefertes Foto (Fotograf: J. Ritopečki) zeigt Mirković in Aktion, allerdings ist er auf diesem mit einem anderen Filmprojektor  zu sehen.

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