Zum Abschied

Im Jahr 1973 erhielt Slobodanka Kudlaček-Ritopečki von ihrem Schüler Milorad eine Zeichnung, auf der sie mit dem kleinen Jungen an der Hand porträtiert ist. Die studierte Dolmetscherin unterrichtete zum damaligen Zeitpunkt viermal wöchentlich Kinder jugoslawischer Arbeitsmigrant_innen: Sie half ihnen bei den Deutschaufgaben und unterrichtete sie in ihrer Erstsprache sowie in Geschichte und Geographie Jugoslawiens. Der Unterricht fand in einer Volksschule im 20. Wiener Gemeindebezirk statt und wurde vom jugoslawischen Verein Jedinstvo mit Sitz in der Praterstraße 9 organisiert. Die vom Verein auf informellem Wege organisierte schulische Unterstützung wurde erst zwei Jahre später durch staatliche Maßnahmen ergänzt: Denn im Schuljahr 1975/1976 wurde der erste „muttersprachliche Zusatzunterricht“ für jugoslawische Kinder in einzelnen Bundesländern eingeführt, im Schuljahr 1976/1977 folgte jener für Kinder aus der Türkei. Als der Schüler Milorad seiner Lehrerin Slobodanka Kudlaček-Ritopečki die Zeichnung überreichte, stand bereits fest, dass er in die Sonderschule versetzt werden würde. Viele andere Kinder jugoslawischer und türkischer Herkunft teilten in den 1970er und 1980er Jahre sein Schicksal, in den meisten Fällen reichten schlechte Deutschkenntnisse oder Legasthenie für eine Einweisung in die Sonderschule. So auch im Fall von Milorad, wie ein ihm gewidmetes Gedicht seiner ehemaligen Lehrerin beschreibt.Privatbesitz Slobodanka Kudlaček-Ritopečki.